Entscheidungen treffen - Bauchgefühl oder Kopfsache?

vom 14.07.2016 | Autor: Lisa Birko

Rund 20.000 Entscheidungen treffen wir am Tag. Pausenlos schwirren uns Fragen im Kopf herum: „Das rote oder blaue Hemd?“ „Schnitzel oder Salat zum Mittagessen?“ „Soll ich schon heiraten?“ Von alltäglichen Situationen bis hin zu lebenswichtigen Entscheidungen ist alles dabei. Verständlich, dass so manch einer damit überfordert ist. Aber was tun, wenn man sich nicht entscheiden kann? Können wir das Entscheiden lernen? Erfahrt hier, welch verblüffende Erkenntnisse Wissenschaftler gemacht haben und warum wir mit wichtigen Entscheidungen auf Nieselregen warten sollten.

Entscheidungen treffen - Bauchgefühl oder Kopfsache?Das „Entscheiden-Müssen“ beginnt schon mit dem Aufwachen: „Soll ich noch ein paar Minuten liegen bleiben? Oder lieber nicht?“ Und dann geht es den ganzen Tag so weiter: „Soll ich Bus oder Bahn fahren?“ „Bleibt mir noch Zeit zum Lernen?“ Fragen über Fragen, mit denen wir unser Gehirn ganz schön auf Trab halten. Eigentlich tun wir den ganzen Tag nichts anderes, als entscheiden.

Doch wo liegt das Problem?

Die meisten Menschen haben in der Regel keine Schwierigkeiten, sich zu entscheiden. Einige fühlen sich allerdings unter Druck gesetzt. Aus Angst, eine falsche Wahl zu treffen, entscheiden sie gar nicht. Dabei gibt es nicht die perfekte Entscheidung. Jede Option hat seine Vor- und Nachteile. Welche man letztendlich wählt, ist situations- und vor allem charakterabhängig. Doch aus Angst vor negativen Konsequenzen, Kritik und Versagen schieben manche Leute die Entscheidung auf und lassen alles beim Alten. Es mangelt an Mut, mit einer falschen Entscheidung zu leben. Doch das „Nicht-Entscheiden“ ist auch eine Entscheidung - nämlich nichts zu ändern. Und mit den Konsequenzen daraus muss man auch leben.

Zwei Arten zu entscheiden

Nicht jeder Mensch trifft seine Entscheidungen auf dieselbe Weise. Manche verlassen sich auf ihr “Bauchgefühl”, während sich andere tagelang den Kopf zerbrechen. Kurz gesagt: Man kann unbewusst und bewusst entscheiden.

Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.

Joanne K. Rowling

Bauchgefühl - die unbewusste Entscheidung

Unbewusste Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus getroffen. Man verlässt sich auf seine Intuition und lässt sich ausschließlich von Emotionen und Gefühlen leiten. Eine so genannte “Bauchentscheidung” ist demnach nicht gut durchdacht und bewusst abgewogen.

Kopfsache - die bewusste Entscheidung

Bei einer bewussten Entscheidung werden die Argumente sorgfältig abgewägt und durchdachte Entschlüsse getroffen. Man entscheidet mit dem Verstand, rational und ganz bewusst.

Bauch oder Kopf? Wer entscheidet besser?

Die Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Beide „Entscheidungsformen“ haben ihre Vor- und Nachteile. Doch wie man letztendlich entscheidet und welche Form für einen Menschen besser ist, hängt einzig und allein von der Persönlichkeit ab. Rationale Menschen überlegen gründlich und wägen die Konsequenzen einer Entscheidung logisch und sachlich ab, während emotionale Menschen oft aus dem Bauch heraus entscheiden. Natürlich gibt es auch Mischformen - ganz nach den Worten: „Ich überlege. Mein Bauch entscheidet.“ (Max Grundig). Generell gilt: Bei großen Investitionen, wie zum Beispiel dem Hauskauf, ist eine rationales Abwägen der Argumente sinnvoll. Alltägliche Entscheidungen trifft jedoch unser Bauch. Und das ist auch gut so, denn sonst würden wir unser Gehirn ganz schön überfordern und hätte keine Zeit mehr für andere Dinge. Intuitive Entscheidungen führen erstaunlich oft zu genauso guten Ergebnissen wie die rationalen. Denn Intuition ist eine Art unbewusste Intelligenz, die für einen selbst oft am besten entscheiden kann. Das soll aber nicht heißen, dass man sich immer auf sein Bauchgefühl verlassen soll. Manchmal kann es nicht schaden, eine Entscheidung gut zu überdenken.

Was beeinflusst unsere Entscheidungsfähigkeit?

Nicht nur unser Charakter, sondern auch äußerliche Faktoren können Entscheidungen beeinflussen:

Hunger

Hungrig treffen wir oft falsche bzw. nicht so gute Entscheidungen. Nach dem Essen fällt es uns jedoch leichter. Warum ist das so? Wer hungrig ist, wünscht sich eine kurzfristige und schnellstmögliche Befriedigung. Denn bei extremem Hunger fehlt uns die Energie, die unser Gehirn zum Analysieren und Abwägen der Argumente benötigt. Deshalb werden Entscheidungen nicht in Ruhe getroffen - es muss schnell gehen. Wer hingegen satt gegessen ist, wird nicht vom Hunger „gesteuert“ und nimmt sich mehr Zeit, um über eine Entscheidung nachzudenken.

Wetter

Komisch, aber wahr. Auch das Wetter hat Einfluss auf unsere Entscheidungsfähigkeit. Laut Verhaltensforschern ist Nieselregen die beste Wetterlage, um Entscheidungen zu treffen. Warum? Bei sehr gutem Wetter - also wenn es sonnig und warm ist - sind wir optimistischer und verschätzen uns deshalb sehr häufig. Man ist euphorisch und entscheidet risikofreudiger. Bei schlechtem Wetter - viel Regen, Kälte oder Unwetter - ist genau das Gegenteil der Fall. Wir sind schlecht gestimmt, teilweise sogar depressiv, und demnach sehr vorsichtig und risikoscheu. Nieselregen ist also ein gutes Mittelmaß, bei dem wir uns in einem relativ ausgewogenen Zustand befinden.

Helligkeit

Wissenschaftler von der Universität Toronto haben herausgefunden, dass man im Dunkeln rationalere Entscheidungen trifft. Bei hellem Licht hingegen entscheiden wir mehr nach Gefühl, denn die Aufnahme von Wärme löst Emotionen in uns aus. Wer das nächste mal eine schwierige Entscheidungen treffen oder wichtige Verhandlungen führen muss, sollte also ruhig mal das Licht dimmen.

„Füllstand“ der Blase

Ja, richtig gelesen! Anhalten kann nützlich sein - denn mit einer vollen Blase entscheiden wir besser. Zu diesem überraschendem Ergebnis kamen Psychologen der Universität Twente in Holland. Wer seine Blase unter Kontrolle hat, kann auch seine Entscheidungsfähigkeit leichter steuern. Im Zustand des „Anhaltens“ kann man sich besser konzentrieren und Verlockungen widerstehen. „Mit einer vollen Blase scheint man sinnvollere Entscheidungen zu treffen“ schließt das Forscherteam.

So wird dir das Entscheiden leichter fallen!

  • Andere Meinungen einholen. Manchmal hilft der objektive Blickwinkel einer anderen Person, die vielleicht schonmal in einer ähnlichen oder gleichen Situation war. Aber Achtung: Lass dich nicht zu sehr beeinflussen! Ratschläge sollte man nur annehmen - letztendlich aber nach dem eigenen Gefühl entscheiden.
  • Ablenken. Die Entscheidung lässt dir keine Ruhe? Geh eine Runde joggen oder triff dich mit Freunden, um den Kopf frei zu kriegen. So gönnst du deinen Gedanken mal eine Pause, um sich neu zu sortieren.
  • Pro-Kontra-Liste. Das Klischee schlechthin und oft für lächerlich empfunden. Doch die Argumente für eine Entscheidung auf Papier zu bringen, hilft vielen, einen besseren Überblick zu bekommen. Natürlich halten Stift und Papier nicht die richtige Antwort parat, aber vielen Menschen fällt das Denken - und somit auch das Entscheiden - leichter, wenn sie das Thema visualisieren.
  • Darüber Schlafen. Klingt blöd, aber kann manchmal wirklich helfen. Das Unterbewusstsein schläft nie und brütet nachts über schwierigen Fragen. Am nächsten Tag kann man dann mit neuer Energie und vielleicht auch mit einem neuen Blickwinkel die Sache angehen.
  • Viel Wind um nichts! Die Luft rausnehmen. Wer vor einer Entscheidung Angst hat, sollte sich fragen, ob es dabei wirklich um Leben und Tod geht. Meist überschätzen wir nämlich die Bedeutung einer Entscheidung und deren Konsequenzen für unser Leben. Wäre es tatsächlich so eine Katastrophe, wenn ich mich falsch entscheide? Wir dramatisieren die Folgen einer falschen Entscheidung. Viele Fehler kann man immer noch gerade biegen. Versuch also, die Entscheidung abschwächen und dir so die Angst davor zu nehmen.
  • Nicht in Frage stellen. Das größte Problem beim Entscheiden ist wahrscheinlich die Unentschlossenheit. Wollen wir uns gerade für Option A festlegen, fallen uns wieder 1.000 Gründe ein, warum Option B doch vielleicht besser wäre. Nichts da! Ist deine Wahl schon getroffen, hör auf daran zu zweifeln. Oft stellen sich nämlich spontane Entscheidungen als die richtigen heraus.
  • Münzwurf-Methode. Nein, hier geht es nicht darum, eine Münze über dein Schicksal entscheiden zu lassen. Vielmehr wird dir deine wahrscheinlich schon unbewusst getroffene Entscheidung dadurch endlich bewusst. So geht’s: Leg fest, welche Seite der Münze für welche Option steht. Wirf die Münze hoch. Und jetzt wird’s spannend: Noch während die Münze in der Luft ist, hoffst du, dass sie auf eine bestimmte Seite fällt - und schon hast du deine Entscheidung. Du hast nämlich schon vorher eine Wahl getroffen, das nur noch nicht gewusst. Die Münzfwurf-Methode holt die getroffene Entscheidung schließlich vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein. Wenn man aber während des Wurfes zu keiner Seite tendiert, lässt man die Münze fallen und schaut, ob man mit dem Ergebnis zufrieden ist. Bei wenn dann direkt die Alarmglocken leuten, der weiß: Ich habe mich also schon für die andere Option entschieden.
Mit diesen Tipps sollte dir das Entscheiden demnächst leichter fallen. Und wenn du trotzdem mal eine falsche Wahl triffst, lass dich davon nicht runter ziehen. Denn wie sagt man so schön? Aus Fehlern lernt man. Und nächstes Mal ist man immer schlauer!